Gemeinsam sind wir stärker: Kooperative Forschung und konstruktives Feedback an Universitäten

Nov 1 / Katja


Die akademische Wettbewerbskultur

Das betrifft leider gerade auch Universitäten: Wettbewerbsdruck und die Konkurrenz in der akademischen Welt. Die emeritierte Professorin Astrid Kaiser beschreibt diese Problematik in ihrem Buch “Reiseführer für die Unikarriere” auf den Punkt und nennt es treffend “Zwischen Schlangengrube und Wissenschaftsoase.” Ach wie schön wäre es, wenn es viel mehr um Zusammenarbeit und Kooperation ginge.

Wer veröffentlicht mehr und schneller?

Denn gerade an Hochschulen herrscht oft ein intensiver Wettbewerb: Wer veröffentlicht mehr? Wer schneller? Wer in angeseheneren Journalen? Wer erlangt mehr Anerkennung? Wer behauptet sich am besten in der Academia? Solche Fragen stehen im Zentrum vieler Diskussionen und sorgen für Spannungen und Unsicherheit in der akademischen Gemeinschaft.

Mein Plädoyer für Veränderung

Ich möchte Dich ermutigen, diesem Konkurrenzdenken entgegenzutreten, zumindest dort, wo es möglich ist. Wir können dies im ganz Kleinen beginnen, in unserem unmittelbaren Umfeld. Eine Möglichkeit, das zu tun, ist konstruktives Peer-Feedback. In der Kommunikationspsychologie gibt es nämlich einige bewährte Methoden, um Feedback zu geben und zu erhalten, die uns allen helfen können, effektiver und angenehmer miteinander zu arbeiten.

Definieren wir Kolloquien neu

Oftmals erlebe ich junge Forschende, die große Angst vor bevorstehenden Kolloquien haben. Diese Treffen sollen ja eigentlich dazu dienen, die Forschung vorzustellen und zur Diskussion zu stellen. Allerdings liegt der Fokus oft auf einer perfekten Performance, was zu übermäßigem Stress und zur Verschwendung wertvoller Schreibzeit führt. Stattdessen sollte das Kolloquium doch dabei unterstützen, den aktuellen Stand der Forschung zu präsentieren, idealerweise mit konkreten Textauszügen, um eine fruchtbare Diskussion zu ermöglichen. Hier sollten in freundlicher Denkumgebung logische Ungereimtheiten und Argumentationslöcher aufgedeckt und verbessert werden, anstatt Ängste zu schüren. Durch das Hierarchiegefälle und eine oftmals harsche Kommunikationsform, durch Schein-Fragen von anderen Promovierenden, die selber besser dastehen möchten, und durch unorganisierte und nicht gut moderierte Diskussionen, entsteht leider oft dieses enge Klima der Angst. Und der Nicht-Kooperation. Das geht alles auch ganz anders.

Chuck Tilly's Regeln: konstruktive Diskussion unter Gleichen

Ich möchte hier auf Chuck Tilly`s Workshop Rules verweisen. Tilly war ein US-amerikanischer Historiker, Politologe und Soziologe, der 8 kleine Regeln aufstellt, damit mithilfe von konstruktiver Diskussion unter Gleichgesinnten ein Forschungstext wirklich zu einer besseren Version gelangen kann. Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden zunächst einmal als Gleichgestellte behandelt und oft kommen wesentliche Ideen von Personen, die nichts über das Thema wissen. Am Anfang präsentiert die Autor:in ihren Text oder ihre Forschung, danach folgen zwei ausführlichen Kommentaren von zwei vorab ausgewählten Kritiker:innen. Diese Kommentare werden idealerweise schriftlich festgehalten und werden der forschenden Person nach der Präsentation zur Verfügung gestellt, um das Notieren von Anmerkungen zu erleichtern und die Diskussion zu fördern. Es gibt eine Moderation und eine Sprechreihenfolge. In Punkt 5 von Tilly ´s Rules werden sogenannte „Zweifinger-Fragen“ vorgestellt, die neben “Ein-Finger-Fragen” Direkt auf den diskutierten Punkt abzielen und auf 30 Sekunden begrenzt sind. Im vorletzten Punkt 7 weist Tilly daraufhin, das die respektvolle und freundliche Diskussion das aktuelle Projekt verbessern soll und nicht darauf abzielt, die Intelligenz des Kommentators oder die psychische Gesundheit der Autorin oder des Autors in Frage zu stellen. Die Qualität der Forschung wird so kooperativ gesteigert und er empfiehlt, eine kontinuierliche Gruppe zu bilden, um die sozialisierten Normen des Seminars einzuüben und aufrechtzuerhalten.

Denkräume für wohlwollende Gruppen - Die Kraft der Intervision

Und auch schon in den 80iger Jahren gibt es aus der Pädagogik nach Gerhard Spangler wunderbare Formate der kollegialen Beratung oder auch Peer-Coaching. Bei THE WRITING ACADEMIC nennen wir es den Intervisionssalon, eine strukturierte und sehr wirkungsvolle Methode der kollegialen Peer-Intervision. Das ist ein mehrschrittiges Gruppenformat, was in Präsenz – tatsächlich auch wunderbar online – funktioniert. In 7 bis 10 freundlich moderierten Schritten entsteht so in einer kleinen vertrauensvollen Gruppe ein sicherer und konstruktiver Raum, in dem gemeinsam die Schwarmintelligenz wirken kann. Hier können auf wertschätzende, nicht-erschöpfende und co-kreative Weise Texte, aber auch allen anderen Thema rund um das Arbeitsleben in der Academia verhandelt werden. Nancy Klein nennt so eine gelingende Arbeitsatmosphäre ein Thinking Environment.

Dialog und co-kreative Zusammenarbeit

Und wir alle müssen das immer wieder auch selber üben, denn wertschätzendes und konstruktiv Feedback ist Übungssache und ermöglicht den Empfängern überhaupt erst einmal die Möglichkeit, Kritikpunkte wirklich aufzunehmen, an sich heranzulassen und dann zu entscheiden, was man davon annehmen möchte. Und in unserer Gesellschaft ist Kritik so oft mit etwas Unangenehmen und Negativem konnotiert.

Bildet Banden

Ich möchte Dir Lust darauf machen Dich mit Menschen Deines oder eines anderen Fachgebiets zusammenzutun und euch gegenseitig konstruktive Unterstützung zu garantieren. Schafft euch Räume und Zeiten außerhalb von Konferenzen, um Texte zu diskutieren und voneinander zu lernen. In so einen freudiger, gemeinsame Denkraum einzutauchen, erlaubt, über das eigene Fachgebiet zu sprechen und auf interessierte und offene Zuhörende zu treffen. Teile Textauszüge und sprich darüber. Nur durch solche Rückkopplungsschleifen kann Deine Text wirklich reifen und gedeihen. Vertraue darauf, dass Deine “Textbaby” in einer vertrauensvollen Umgebung respektvoll behandelt wird.

Für eine neue Kultur des konstruktiven Feedbacks

Wenn du Feedback auf den Text einer Kolleg:in gibst, dann denke daran, nicht nur die Schwächen zu betonen, sondern auch die Stärken. Es ist so motivierend, Lob für gute Ideen und Gedanken zu hören.

In meinem Buch Selbstcoaching in der Wissenschaft stelle ich im Kapitel zum Aufbau einer Peer-Coaching-Gruppe folgende Fragen:
  • Welche Kollegin, welcher Kollege tut mir gut?
  • Wer hat ein ähnliches Arbeitsanliegen wie ich? Wer sind Gleichgesinnte?
  • Was könnten wir für einen gemeinsamen Rahmen finden, um uns zu unterstützen? Und wie regelmäßig?
  • Wie klein müssten die einzelnen Aufgaben sein, damit wir uns nicht demotivieren?
  • Welche klaren Fragen habe ich bei dieser Überarbeitungsstufe an meinen Text?
  • Was genau sollte die Anderen lieber (noch) nicht tun?
  • Wie und wo könnte ich eine Intervisionsgruppe ins Leben rufen, in der in einem unangestrengten Rahmen an Themen Einzelner gearbeitet werden kann?
Die universitäre Kommunikationskultur verbessert sich nur langsam, und vielleicht gehörst du zu denjenigen, die gelernt haben, konstruktives Feedback zu geben und gewaltfreie Kommunikation zu praktizieren. Nutze Deine Wissen, um die Kultur des wertschätzenden Feedbacks weiter zu verbreiten.
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TWA-Coach Katja Günther ist nicht nur die Autorin dieses Blogposts, sondern auch die Autorin des Ratgebers "Selbstcoaching in der Wissenschaft", das 2020 bei utb erschien.

THE WRITING ACADEMIC

Es gibt eine gute Nachricht: was manchmal ganz und gar unmöglich erscheint, nämlich produktiv zu schreiben —  trotz Wissenschaftsalltag — das geht. Es geht wirklich. Aber: Es geht nicht von allein. Und es geht auch nicht so gut allein. Hier schreiben die drei Schreibcoaches zu Themen rund um eine neue Wissenschaftskultur, dem Thema Online-Coworking und nachhaltigen Produktivitätsroutinen. 

Viel Spaß und guten Flow!

Ingrid Scherübl, Wiebke Vogelaar & Katja Günther

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Es gibt eine gute Nachricht: was manchmal ganz und gar unmöglich erscheint, nämlich produktiv zu schreiben — trotz Wissenschaftsalltag — das geht. Es geht wirklich. Aber: Es geht nicht von allein. Und es geht auch nicht so gut allein. In akademischen Kontexten gibt es leider selten ein wirklich empowerndes Miteinander. Ja, das haben wir selbst schon mitbekommen und am eigenen Leib erfahren. Sich während Habilitation oder Promotion als Einzelkämpfer:in zu fühlen, ist alles andere als bekömmlich und noch weniger förderlich.

Eine andere Wissenschaftskultur ist möglich. Und auch Du kannst ein Teil davon sein. THE WRITING ACADEMIC Online Coworking & Coaching für Wissenschaftler:innen, bietet Dir genau das: eine Community, die miteinander Strukturen und Produktivitätsroutinen für eine konsistente Schreibpraxis pflegen, ihr Mindset reflektieren, und Deep Work priorisieren, um auf ihren Karrierewegen wirklich weiter zu kommen.Bei THE WRITING ACADEMIC findest Du unseren Input zur neuen Wissenschaft.